Es ist gewöhnlich 5.55 Uhr, wenn Marie (9) mit ihrer Mutti Ines die Autobahn-Abfahrt erreicht. Drei Minuten später fahren sie in die Tiefgarage vom Campus ein und halten am Treppenhaus 4. Die Mutti beobachtet noch, wie Marie ihr Armband an das Lesegerät hält. Nun ist Marie "eingecheckt".

Die beiden sind Frühaufsteherinnen. Ines ist Filialleiterin und muss 6.15 Uhr als erste in Dresden vor Ort sein. Sie liebt ihre Arbeit und verdient gut. Zeitig aufgestanden wurde schon immer in der Familie.

Marie weiß, dass sie nach dem ersten Einchecken nur 5 Minuten Zeit hat, bis sie sich in einem der vielen anderen Lesegeräte erneut einchecken muss. Verbummelt sie das, löst der Computer eine Alarm-Routine aus. Als erstes würde Maries Mutti per SMS aufgefordert, sofort zurück zu kommen. Die ist verpflichtet, in dieser Zeit empfangsbereit zu sein und sie muss auch kommen. Marie weiß, dass das einen Mords-Ärger ergibt und beeilt sich.

Als erstes meldet sie sich bei Omi Opitz (88). Sie ist seit zwei Wochen in der Kurzzeit-Pflege (-> Pflege und Spiritualität) in einem der 5 "Satelliten" auf dem Campus. Omi Opitz liegt zwar fast nur im Bett, aber schlafen tut sie nicht mehr viel. Sie freut sich, wenn Marie um 6 Uhr bei ihr klopft und ihr dann vorliest. Geschichten von ganz früher. Manchmal singen sie auch miteinander.

Musik ist eine große Leidenschaft von Marie. Sie checkt bei Omi Opitz aus und betritt halb sieben einen der Silent Rooms, und zwar einen der drei, die ein Schlagzeug beherbergen. Als Marie vor zwei Jahren in den Lernort wechselte und als im selben Jahr ihr Papi starb, da war das Schlagzeug ihre Art, mit der Situation umzugehen. All ihre Emotionen hat sie dort hineingelegt. Erst später hat sie Radiomusik nachgespielt und die Musikpädagogin um Anleitung gebeten.

Vor einem viertel Jahr haben drei ältere Mädels sie gebeten, in ihrer Band mitzumachen. Und nun stehen sie drei Wochen vor ihrer Premiere. Sie werden in der Theater-Aula ("Sonne 1") 8 Titel der Beatles spielen (60 Jahre nach deren erstem Erscheinen) und dazu ihre (und andere) Großeltern einladen. Sie werden dann auch aussehen wie die Beatles.

Aus den Silent Rooms dringt sowieso kein Laut nach außen, aber auch sonst ist um diese Zeit noch nicht viel  los auf dem Campus. Erst zwischen Acht und halb Neun sollen sich alle in ihrer Wohnung (-> Reihenhaus-Siedlung) einfinden. Vor um Sieben kommt da niemand rein, aber ab 7 Uhr kann Marie vom Schlagzeug zur Wohnung wechseln. Dort begrüßt sie Livia, eine der Praktikantinnen. Begrüßen heißt "Hand geben und anschauen" oder zumindest Berühren und was Nettes sagen. Jeder, der die Wohnung betritt, begrüßt jeden, der schon drin ist. (Für Eltern ist die Wohnung übrigens tabu.)

Marie könnte sich jetzt einen Platz suchen und mit ihren Aufgaben beginnen. Bis um Acht ist Leise-Arbeitszeit. Sie könnte genauso gut in einen der Silent Rooms gehen. Da hätte sie dann absolute Konzentration. Aber heute entscheidet sie sich für eine Stunde Schlaf. Sie holt Decke und Kopfkissen aus ihrem Schrank, geht in den Nebenraum, nimmt eine Matte aus einem der Material-Schränke und kuschelt sich ein. Niemand wird sie jetzt stören.

Aber vorher geht sie noch in die Küche, misst auf einer Waage exakt 36 Gramm Hafer ab, füllt ihn in die Flockenquetsche und kurbelt das Getreide durch. Eingeweicht mit exakt 82 Gramm Wasser kann es jetzt quellen. (Wiegt es jetzt zusammen 118 Gramm? Frau muss auch Messen üben.)

An anderen Tagen wird sie statt zu Omi Opitz vielleicht gleich zum Schlagzeug gehen. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie Oma Ella (75) besucht. Die war früher Ergotherapeutin und davor Kindergärtnerin. Nachdem voriges Jahr ihr Mann starb, ist sie in eine der altersgerechten Wohnungen auf dem Campus gezogen. Auch sie ist Frühaufsteherin und ab 6 Uhr muttelt sie in der Ergotherapie-Praxis (-> Gesundheit und Medizintechnik) herum. Marie würde dort an einem Körbchen flechten, das sie schon vor Wochen begonnen hat. Oma Ella weiß, wo es steht, sie sorgt dafür, dass der Nachschub fürs Flechten immer die richtige Feuchtigkeit hat und sie animiert Marie auch stets zu einem Spiel. (Erwachsene bekommen solche "Spiele" von ihrem Arzt verschrieben.)

Aber noch lieber würde sie zu Opa Paul gehen. Der ist schon vor 6 Uhr im Stall unterwegs. Ihm darf sie zur Hand gehen, wenn er das Futter zurecht macht. Doch heute würde sie ja eh am Nachmittag im Stall sein. Da hat sie sich für Omi Opitz entschieden. Entscheiden, das musste Marie in den beiden Jahren lernen, die sie hier ist. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten. Welche davon ist die Beste für mich? Manchmal  ist Entscheiden auch Stress.

Inzwischen ist es ziemlich laut geworden im Nachbarraum. Es ist 8.10 Uhr. Marie verstaut die Utensilien und begrüßt alle, die inzwischen eingetroffen sind. Zuerst Kati, ihre Lernbegleiterin. Die ist zwar auch erst seit 10 min da, aber ein Blick auf ihr Tablet verrät ihr, wo Marie heute schon alles gewesen ist. "Wie geht es Omi Opitz?" will Kati wissen, und Marie will unbedingt schon mitteilen, dass sie heute gern draußen lernen möchte. Da macht Kati einen Tip auf ihrem Tablet.

In der Küche ist jetzt Gewusel. Marie nimmt ein halben Apfel, zerkleinert ihn und nutzt eine Moulinette. Ihre Freundin hat gerade Schlagsahne geschlagen. Marie bekommt die Hälfte davon ab. Schließlich noch 3 Schnitze Orange, schon ist der Frischkornbrei fertig.

Nun hilft Marie, das Wohnzimmer für den Morgenkreis zu bereiten. Dabei wird geschnattert und geschnattert. Marie wechselt auch ein Wort mit Leonie. Sie ist spastisch gelähmt und sitzt im Rollstuhl. Bernd (man sagt er sei Autist) hat das Frühstück für sie gemacht und wird sie heute füttern. Marie hat das auch schon getan.

Inzwischen sind alle eingetroffen. In der Runde sitzen nun 14 Kinder. Ein Kind ist krank und ein Kind ist mit seinen Eltern auf Reisen. Oft fehlt auch Bernd (11). Er sagt, zu Hause könne er viel besser lernen. Da sei nicht so viel Trubel. 16 ist die "Normgröße" ihrer Lerngruppe. Ihnen gehört die Wohnung 3-1, aber am Nachmittag und Abend lernen hier auch andere Kinder.

Und dann sind noch 4 Erwachsene in der Runde: Livia und Kati waren schon da, und inzwischen sind noch Madeleine und Damaris eingetroffen. Madeleine ist die zweite Lernbegleiterin der Gruppe und Damaris ist Gebärdensprach-Dolmetscherin. Denn Fabian (10) ist gehörlos. Er kann schon ganz gut von den Lippen ablesen und einige Kinder können schon ziemlich viel gebärden, aber alle paar Tage bekommt er den ganzen Morgenkreis übersetzt.

Leonie darf jetzt mit 3 Würfel würfeln. Die Summe der Augen bestimmt, wer mit dem Erzählen beginnen darf. Im Uhrzeigersinn wird abgezählt und dann geht es reihum. Heute trifft es zufällig Marie. Damaris setzt sich neben Marie, und Fabian gegenüber von Marie. Ihren wortreichen Beitrag kann man vielleicht so zusammenfassen: "Gestern habe ich zum ersten Mal mit Maßstäben gerechnet. Am Nachmittag habe ich in der Gärtnerei geholfen beim Salat-Pikieren. Abends hatten wir Besuch und ich durfte bis nach Zehn aufbleiben. Deshalb war ich heute früh ganz schön müde. Bei Omi Opitz habe ich eine Geschichte vorgelesen. Da wurde erzählt, wie Schule um 1900 war. Da gingen Mädchen und Jungen in unterschiedliche Schulen. Wie wäre das wohl, wenn nur Mädchen auf dem Campus wären? Heute will ich auf jeden Fall wieder draußen lernen, nach dem Mittag Mädelsband üben und dann Reiten. Reiten ist schon fest vereinbart."

Das mit dem Reiten sieht Kati auf ihrem Tablet. Vormittag unter freiem Himmel war ja  schon eingetragen. Jetzt kontrolliert Kati noch, ob auch der gemeinsame Termin für alle vier Mädels aus der Band eingetragen ist. 14 Uhr, ok.

Wer beim Morgenkreis anfangen darf, ist im Vorteil. Die letzten fassen sich kürzer. Es ist 9.30 Uhr und alle wollen los. 10 der 14 Kinder haben sich fürs "Lernen unter freiem Himmel" entschieden. Leonie kann nicht mit, weil der Weg zu steil ist. Bernd wird sie ins Gewächshaus bringen und auch selber dort bleiben. Maxi und Janine wollen zur Hundeflüsterin. Da ist genau heute 10 Uhr ein Kurs. Das passt auch sehr gut, denn dann können die beiden heute den "Küchendienst" übernehmen: Wenn alle raus sind, werden sie noch die Küche aufräumen und den Spüler anstellen.

Die anderen packen ihre Rucksäcke. Die Regenjacke, ein Sani-Päckchen und 500 ml Wasser gehören immer hinein, auch wenn es garantiert nicht regnet und auch nicht heiß ist. Jeder der will packt noch sein Tablet ein oder anderes Material, das er heute zum Lernen braucht. Ein Buch, ein wenig Papier oder eben Kugeln für eine Versuchsanordnung. Jeder muss selbst überlegen. Nur manchmal fragt Kati nach.

Auch Schuhe kommen in den Rucksack. Denn meistens laufen sie barfuß. Wenn das Wetter so wie heute ist, werden die meisten den ganzen Vormittag ohne Schuhe sein. Und mindestens einmal laufen sie auch im kalten Bach. Weil sie das jeden Tag tun (im Campus gibt es ja auch ein Becken dafür), sind sie auch nicht so oft erkältet wie andere Kinder. Und es macht ihnen nichts mehr aus. Es macht inzwischen sogar Spaß.

Alle gehen wieder mit ihrem Armband am Lesegerät vorbei und nun laufen sie etwa 1 km, fast immer bergab. Jeder sucht sich "sein Plätzchen". Wo die Grenzen sind, ist allen klar. Früher wurde zuerst immer Absperrband angebracht, heute sind sie schon groß und brauchen das nicht mehr.

Kati öffnet eine große Kiste und wechselt als erstes den Akku. WLAN ist auch hier vorhanden und Tablets aufladen geht auch. Ein großer Sani-Kasten ist in der Kiste und verschiedenes Werkzeug, ein paar Iso-Matten und Regen-Knirpse. Und im Laufe der Zeit hat sich so manches Nützliche angefunden. Die Kisten sind alarmgesichert. Einen Einbruchversuch gab s hier nur ein einziges Mal.

Max hat wieder einen Platz am Hang gewählt - eine schöne schiefe Ebene. Er wird verschiedene Kugeln herunter rollern lassen und messen, wie sich die Zeiten unterscheiden je nach Größe und Gewicht der Kugeln und Länge der Strecke. Die Stopp-Uhr haben 16jährige schon voriges Jahr gebaut und er nutzt sie nach. Auf seinem Tablet trägt Max in einer Tabelle sorgfältig ein, was er misst und versucht nun, Zusammenhänge zu ermitteln und Formeln aufzustellen. Später wird er eine Schaufel aus der Kiste nehmen und die letzten Unebenheiten im Hang glätten. Vielleicht verändern sich die Zeiten dadurch noch einmal? Oder sollte er auch noch den Wind beachten?

Marie hat es sich abseits gemütlich gemacht. Auf dem Tablet ruft sie die Mathe-Aufgaben zu den Maßstäben von bettermarks.com auf. Zu jeder Aufgabe kriegt sie sofort eine Rückmeldung, ob sie richtig gerechnet hat. Sie kommt gut voran. Bevor sie einen neuen Aufgaben-Komplex beginnt, geht sie hinüber zu Max und lässt sich erklären, was er herausgefunden hat. Interessant, aber eher Jungs-Kram. Sie würde eher herausfinden wollen wie das geht, dass ein Pferd sie versteht.

Es ist 11 Uhr. Kati drückt jedem ein Thera-Band in die Hand und macht Übungen vor. Niemand muss mitmachen, aber fast alle machen es. Sie wollen stark sein. Nacheinander fordern sie alle Muskeln heraus, auch die, die bei Erwachsenen verkümmerter sind als bei ihnen. Dann arbeitet jeder weiter.

Nach dem Kurs bei den Hunden gehen Maxi und Janine zur Mensa und packen dort das Mittagessen für alle ein, die draußen bei Kati sind. Dafür gibt es spezielle Rucksäcke. Auch das Geschirr ist superleicht. Aber 10 Liter Eintopf und 10 Büchsen Rohkost haben schon ihr Gewicht.

Auf dem Weg vom Campus zum "Lernort freier Himmel" müssen sie immer mindestens zu zweit sein. Beim Auschecken müssen sie ihr Ziel angeben und ihr Tablet muss empfangsbereit in der Hand sein. Mit verschiedenen Codewörtern könnten sie damit Alarm in der Security auslösen. Wenn sich Tablet und Armband zu weit voneinander entfernen würden, löst das Tablet den Alarm selbständig aus, und wo sich das Tablet der beiden Mädels gerade befindet, das sieht die Security live auf dem Monitor. Bei Kati angekommen werden sie sich bei ihr einchecken. Noch nie ist auf den kurzen Wegen etwas Schlimmes passiert.

Heute wäre das Tablet wirklich nicht nötig, denn jede durfte einen Hund mitnehmen. So können sie das Gelernte gleich anwenden.

Maxi und Janine bereiten nun die Mittagstafel vor. Die Kiste birgt auch eine Tischdecke und eine Vase. Die beiden haben auf dem Herweg noch schnell einen Strauß am Wegesrand gepflückt. Sie drapieren 10 Dosen mit Rohkost und 4 Sorten Dressings und rufen das "Kommt herbei, gekocht ist der Brei" aus. Alle sitzen in gemütlicher Runde schnattern und genießen rohes Gemüse. Danach schenkt Maxi den Eintopf aus, der im Thermobehälter schön warm geblieben ist. Nächste Woche wird ihre Gruppe wieder zwei Vormittage in der Zentralküche zubringen und Gemüse putzen und schneiden. Alle wissen inzwischen, wie mühevoll das ist. Niemand wirft mehr Lebensmittel weg. Ohnehin bestimmt jeder selber, wie viel auf den Teller soll. Und wenn man sich wirklich mal verschätzt hat, dann findet sich ein anderer, der das Häppchen noch aufisst.

Schließlich holen Maxi und Janine noch einen Topf Getreidepudding aus dem Rucksack. Und darauf gibt es sogar einen Löffel Himbeer-Eis, hergestellt ganz ohne Industriezucker. Zum Abschluss der Mittagspause dürfen sich alle hinlegen und Kati leitet einige Feldenkrais-Übungen an. (Mit dem Becken die Uhrzeit einstellen, mit dem Kopf die Himmelsrichtung und solche Sachen).

So gestärkt geht es jetzt an die dritte Lern-Einheit. Janine verstaut Geschirr und Töpfe, während Maxi von gebrauchten Strumpf-Paaren jeweils ein Teil versteckt. Ob die Hunde alles richtig finden werden?

Da die meisten um 14 Uhr einen nächsten Termin im Campus haben, beginnt um 13.30 Uhr das große Einpacken, Auschecken und es geht einen Kilometer aufwärts. Kati hat auf ihrem Tablet eingetragen, woran jeder gearbeitet hat und was sie sonst noch beobachtet hatte. Ihr Tablet hatte ihr auch signalisiert, wann Maxi und Janine sich auf den Weg zu ihnen gemacht hatten. Nur die Hunde waren eine Überraschung. War aber kein Problem. Sie haben niemanden beim Arbeiten gestört. Dafür haben Maxi und Janine gesorgt. Sie würde auch sehen, wenn Marie etwas anderes aufgerufen hätte als bettermarks.com und sie sieht auch, welche Aufgaben Marie heute erledigt hat. Selten kommt es vor, dass Marie überhaupt nicht klar kommt mit den Aufgaben. Spätestens jetzt würde sie es merken und sich beim nächsten Mal dazu setzen. Und Kati würde sich fragen, warum sich Marie keine Hilfe geholt hat.

Oben angekommen, checkt Marie mit der ganzen Gruppe in Wohnung 3-1 ein, verstaut ihre Sachen, checkt sofort wieder aus und 3 min später in den Silent Rooms wieder ein. Die anderen Drei von der Band sind schon da. Marie nimmt am Schlagzeug Platz und schon kann es losgehen. Ab nächste Woche werden sie direkt auf der Bühne üben. Dann werden die Jungs von Bühne & Backstage dabei sein. In der letzten Woche wird auch Kostüm und Maske noch dazu kommen. "I Want to Hold Your Hand" würde der erste Titel sein.

Um 15 Uhr endet die Arbeitszeit von Ines, der Mutti von Marie. Heute ist sie 16 Uhr mit ihrer Tochter zum Reiten verabredet.

So fährt sie 15.15 Uhr zum zweiten Mal in die Tiefgarage vom Campus ein. Die Parkkarte kostet 30 Euro im Monat. Genauso wie das Abo für den Fitnessraum. Dort hin wird sie sich jetzt begeben. Der Tag war anstrengend und körperlich einseitig, da tun einige Übungen jetzt sehr gut. Danach schaut sie noch im Hostel vorbei. Sie trifft Frederic (17), der in der Schüler-GmbH dort für die Finanzen zuständig ist und lässt sich die aktuellen Zahlen vorlegen. Für das Wochenende hat eine 30köpfige italienische Jugendgruppe gebucht. Sind die Mahlzeiten bei der Küche gemeldet? Genügend Handtücher vorrätig? Wer wird als Dolmetscher fungieren? Ist immer jemand für die Rezeption eingeteilt? Ist als Tagungsraum eine Wohnung reserviert? Und sind die jeweils zu erwartenden Einnahmen und Ausgaben schon gebucht? Stets erhält sie ein Ja. Diese Aktion wird mehr als 600 Euro Überschuss einbringen. Dafür arbeiten 6 Jugendliche große Teile des Wochenendes. Wenn es keine Beanstandungen gibt, wird Ines ihnen nächste Woche ein Zertifikat darüber ausstellen, was sie da selbständig geleistet haben. (Die Sechs haben übrigens dafür Di bis Do frei - wenn sie das wollen.)

Marie ist schon im Stall, als Ines eintrifft. Ines hat hier ein Pensionspferd. Auch das kostet natürlich, aber hier weiß sie es in guten Händen. Ihre Freundin hat ebenfalls ihr Pferd hier, und so können Marie und Ines gemeinsam ausreiten, ohne dass dies noch einmal zusätzlich kostet. Für Marie ist dies der schönste Nachmittag der Woche.

Was nach einem Ritt zu tun ist, schafft Marie schon allein. Ines geht derweil noch mal schnell in die Theater-Aula. Die dortige Schüler-GmbH hat eine Anfrage bekommen, im nächsten Frühjahr einen Ärztekongress auszurichten. Wie viel Miete soll man da verlangen? Können wir drei Tage lang 30 Gruppenräume zur Verfügung stellen? Schaffen wir eine Videoverbindung zu einem OP-Saal im Uni-Klinikum? Zumindest für die erste Frage ist Ines Expertin. Das sollten wir uns nicht entgehen lassen! Und sie merkt, wie sehr sie schon Teil eines großen "wir" ist.

Es ist 18 Uhr, als sich Marie und ihre Mutti in der Mensa ("Sonne 2") treffen und auf der Terrasse einen Eisbecher genießen. Den müssen sie natürlich auch bezahlen, aber Schüler und Eltern bekommen die Sachen zum Materialpreis. Macht also nur einen Euro für beide. (Kinder unter 12 dürfen erst nach 16 Uhr ordern.)

Auf dem Weg zum Auto steigt Ines noch kurz in das Kneipp-Tretbecken und Marie flitzt in den "Raum der Stille". Dort erneuert sie die Kerze für ihren Papi: "Hoffentlich siehst Du, wie glücklich ich bin." 5 Minuten später sind sie auf der Autobahn und 20 Minuten später zu Hause.

War das ein Tag! Sie freut sich schon auf den nächsten.

 

Es ist 6.45 Uhr, wenn der Wecker klingelt. Max steht auf und zieht sich schnell an. Da muss er nicht viel überlegen. Die Schulkleidung ist vorgegeben. Im Rucksack ist nur Krimskrams.

Wenn Max die Wohnungstür zuschließt, schläft seine Mutti noch. Sie hat gestern wieder getrunken. Wie eigentlich jeden Tag. Max ist ganz froh, dass er den ganzen Tag auf dem Campus sein kann.

Er braucht 5 min zur Haltestelle, 5 min zum Warten, 20 min Straßenbahn, 5 min Umsteigen, 25 min Bus und 5 min bis Wohnung 3-1. Macht exakt 1 Stunde. Spätestens im Bus ist er nicht mehr allein vom Campus. Alle wollen kurz nach Acht eintreffen. Er könnte auch schon um Sieben kommen, aber lieber bleibt er abends ein bisschen länger.

Max checkt ein, verstaut seinen Rucksack und begrüßt Kati, seine Lernbegleiterin. Werden sie heute wieder raus gehen? Kati bejaht und Max meldet sich ab in Richtung Bauen und Verwalten. Dort bittet er um eine Laser-Wasserwaage. Eine, die auch im Hellen funktioniert. Er möchte ermitteln, wie hoch eine schiefe Ebene ist, die er sich gebaut hat. Thomas, der Chef der Abteilung, gibt auch ein Stativ mit und verschiedene Bandmaße. Das Stativ wird nicht hoch genug sein. Ob er auch eine Leiter bekommen könnte? Auch das ist möglich. Er wird nachher alles abholen, wenn sie losgehen.

Jetzt eilt er erst mal zurück, wirft eine Handvoll Dinkel in die Kornquetsche und kurbelt. Marie bietet ihm zerkleinerte Äpfel an und Susanne hat noch einen Klecks Schlagsahne für ihn. Dann setzen sich alle in die Runde.

Leonie würfelt. Heute darf Susanne anfangen. Ihre Mutti hatte gestern Geburtstag, und nun erfahren alle im Detail, was sie alles geschenkt bekommen hat. Max stößt sie mit dem Ellenbogen an. Er sitzt neben ihr und darf weitermachen.

Max erzählt nie etwas von zu Hause. Er spricht von seiner Kugelbahn und dass er heute herausfinden möchte, welchen Höhenunterschied die Kugeln überwinden. Am Nachmittag möchte er gern am Kurs "Turmspringen" teilnehmen, und danach würde er gern in der Gärtnerei helfen, insbesondere sein eigenes Beet pflegen. Kati trägt alles auf ihrem Tablet ein.

Heute sind es nur 6 Kinder aus der Gruppe, die raus gehen möchten und 7 aus der 3-2. In der Tierarzt-Praxis wird heute ein Hund operiert, und wer dort dabei sein will, der kann es nur heute Vormittag um 10 Uhr. Das Interesse war groß und die meisten haben sich schon vorige Woche eintragen lassen. (Sie schauen von oben durch die Scheibe zu.)

Max und Martin holen noch schnell die Leiter und den Laser, alle checken aus und wieder geht es barfuß den Hang hinab. Max stellt die Leiter auf, stellt die Stopp-Uhr auf und stellt den Laser auf die oberste Stufe. Wo der rote Strich die Erde berührt, wird der neue Startpunkt sein für seine Kugeln. Nach vielem Hin und Her ist er in der Lage, den Höhenunterschied zu messen. Auch den Kullerweg kann er messen, aber die dritte Seite des Dreiecks - das ist zu schwierig. Da gibt ihm Kati den Tipp, im Internet nach Pythagoras zu suchen.

Als zum Mittagessen gerufen wird, kommt Max stolz mit einem Zettel, einer Respekt einflößenden Formel und einem Ergebnis. Was für ein herrlicher Tag!

Heute gibt es nach der Rohkost süßen Hirsebrei und danach eine Vollkornwaffel mit Schoko-Füllung. Das Bauchgrummeln, das Max am Ende hat, kommt aber nicht vom Essen, sondern weil jetzt das Turmspringen bald beginnen wird. Zu der Gruppe, die sich heute 14 Uhr trifft, gehören ausschließlich Angsthasen. Max ist etwas pummelig und es sieht auch nicht schön aus, wenn die Bombe ins Wasser fällt.

Gunnar erwartet sie. Er hat 3 Meter Wassertiefe eingestellt und das Sprungbrett auf 40 Zentimeter über Wasseroberfläche. Nacheinander springen 15 Kinder ins Wasser, schwimmen zum Rand und stellen sich sofort wieder an. Gunnar fährt das Sprungbrett immer wieder ein Stück nach oben. Nach einiger Zeit sind sie bei 3 Metern angekommen. Es heißt, mit 12 Jahren soll sich jeder getrauen, von 10 Meter zu springen.

Jupps, die meisten haben gar nicht gemerkt, dass das Brett jetzt schon auf fast 5 Meter liegt. Max macht immer noch Bombe, andere Kerze, und zwei sogar einen Kopfsprung. Ausgelacht wird niemand. Beim nächsten Mal wird Gunnar bei 2 Meter beginnen und zügig auf 5 Meter hochfahren. Wenn jeder 40 Mal gesprungen ist, werden sie schon 6 Meter erreicht haben. Zum Schluss wird er noch auf 10 Meter herauffahren und jeder darf sich mal hinstellen und sagen, ob er springen würde oder nicht.

In einer Pause hat Gunnar eine Tauch-Übung eingebaut. Wer kann Gegenstände vom 3 Meter tiefen Grund heraufholen? Man kann den Turm auch mit 10 Meter Wassertiefe füllen und dann kann geübt werden mit Tauchanzug und Sauerstoff-Flasche. Weit schwimmen kann man nicht, da das Becken nur 10m*10m groß ist, aber wie man einen Taucheranzug anlegt, wie man ihn bedient, wie man in die Tiefe kommt und wieder hoch, das lässt sich recht gut lernen. Wer es noch nicht konnte - wie Max -, der hat in diesem kleinen Becken auch das Schwimmen gelernt.

Den Rest des Nachmittags hat Max mit seinem Rosen-Beet verbracht. Er hat dort zwei historische Sorten, zwei moderne und zwei Hybride. Sie wollen gegossen werden und manchmal muss er sie verschneiden. Einmal in der Woche nimmt er seiner Mutti eine Rose mit nach Hause.

Bevor er aufbricht, ordert er im Mensa-Restaurant noch einen Teller Nudeln mit Tomatensoße. Sicher ist sicher. Den Serviererinnen genügen 10 Cent fürs Material. Eine Stunde dauert es nun noch bis nach Hause. Ob er 18.30 Uhr ein Abendbrot vorfinden wird, ist Glücksache. Wenn nicht, dann wird er dem lieben Gott noch für Pythagoras danken und für Gunnar und sich auf den nächsten Tag freuen: Um 6.45 Uhr wird sein Wecker klingeln.

 

Jonas ist vor einem Monat 3 Jahre alt geworden und ist seit 2 Wochen Bewohner der Wohnung 1-2. Die Umstellung war für ihn nicht sehr groß, denn vorher spielte er immer gegenüber - in der Wohnung seiner Tagesmutti Carola. In den Etagen über ihnen waren die Fitnessgeräte und das Hostel. An beiden Stellen war eine große Terrasse vor ihrem Wohnzimmer und zwischen beiden Terrassen liegt der botanische Garten mit dem Springbrunnen.

Einen großen Unterschied hat Jonas gleich bemerkt: Bei Carola mussten alle Kinder beim Spazierengehen dicht beieinander bleiben und sich an der Hand fassen. Jetzt darf er ganz allein umher gehen. Er muss nur darauf achten, dass er Kristin, seine Lernbegleiterin immer sieht. Vorgestern hat das nicht geklappt. Da stand er plötzlich in einem langen Gang mit ganz vielen Türen und wusste nicht, wo er hereingekommen war. Von hinten kamen Max und Martin mit einer Leiter. "Jonas, was machst du denn hier?" fragt Max. Mit einer Träne im Auge musste Jonas gestehen, dass er sich verlaufen hatte.

Max konnte ihn mit Namen anreden, weil alle Kinder in ihrer ersten Woche bei der Vollversammlung in der Theater Aula mit Namen auf der Bühne vorgestellt werden. Alle Großen sollen ein Auge werfen auf die Kleinen. Das klappt ganz gut: Eine Minute später ist Jonas wieder bei Kristin. Er wird in Zukunft besser aufpassen.

Dass sie bei Carola immer nur zu viert waren oder höchstens mal zu sechst und dass sie nun 12 Kinder in der Gruppe sind, das ist Jonas weniger aufgefallen. Dafür gab es hier viiiiel besseres Spielzeug. Die großen Jungs bauten schon richtige Flugzeuge aus Lego, das Bücherregal ist länger als sein Bett und auf der Terrasse steht ein Trampolin.

Vieles ist ganz ähnlich wie bei Carola: Dass sie gemeinsam ihr Frühstück zubereiten und mit einem Morgenkreis beginnen - und dass sie danach einen Rundgang durch den Campus machen. Fast immer geht es dabei durch das Gewächshaus. Denn hier verändert sich die Welt Tag für Tag. Wo gestern nur ein grünes Blatt war, kann morgen schon eine Blüte dran sein. Fast immer auch am Streichelzoo vorbei. Gibt es ein neues Tier im Tierheim? Ist eins vermittelt worden?

Heute gehen sie anschließend ins Hospiz. Frau Schneider hat sie eingeladen. Sie bekommt heute keinen anderen Besuch. Die anderen Kinder wissen, dass Frau Schneider sehr krank ist. Jonas sieht sie zum ersten Mal. Er steht ganz dicht bei Kristin. Frau Schneider atmet schwer. Wer will, darf Frau Schneider die Hand geben oder streicheln. Die Großen erzählen, was sie gestern erlebt haben. Sie waren im Turmspringen-Kurs. Einige haben einen Sprung aus 3 Metern Höhe gewagt. Andere waren im Schwimmkurs. Nur wer 10 Meter Schwimmen kann, darf auch springen. (Der Turm ist nur an wenigen Tagen mit Wasser gefüllt.)

Dann erzählen sie Witze. Auch Frau Schneider lacht. Sie hustet. Es strengt sie an. Die Kinder verabschieden sich. Sie singen das Schalom-Lied. Jonas kennt es noch nicht. Er ist sehr nachdenklich. Was wird mit Frau Schneider? Kann sie nicht wieder gesund werden? Er wird heute Abend seine Eltern fragen.

Die Gruppe setzt sich in den Garten vor den Springbrunnen. Kristin hat nicht auf alle Fragen der Kinder eine Antwort. Frau Schneider hat einen guten Arzt, der sich auf die Behandlung von Schmerzen spezialisiert hat. Den werden sie demnächst fragen.

Heute gehen sie als nächstes in die Zahnarzt-Praxis. Dort erfährt Jonas, dass niemand Zahnschmerzen haben muss, wenn er die richtigen Sachen isst und seine Zähne pflegt, mit Kaugummis zum Beispiel. Das ist ja cool! Ob er sich mal auf den Stuhl legen möchte? Lieber nicht! Otto möchte gern. Otto wird hochgefahren, dann flach gelegt, wieder aufgestellt, immer die Lampe direkt ins Gesicht. Das Wasserglas füllt sich automatisch und Ausspucken darf Otto auch.

Jetzt soll sich ein großes Mädchen auf den Stuhl legen. Sie möchte selbst mal Zahnarzt-Assistentin werden und macht hier gerade einen Kurs in der Spezial-Ausbildung. Sie muss ihren Mund öffnen. Mit einer kleinen Kamera kann der Zahnarzt jetzt jeden einzelnen Zahn zeigen und eine Geschichte dazu erzählen. Das Braune da, das ist Zahnstein. Der Arzt schleift das Braune ab. Auf dem Monitor kann jeder sehen, wie der Zahn wieder hell wird.

Sonst ist bei dem Mädchen alles in Ordnung. Aber kann sie auch gut zubeißen? Der Zahnarzt klebt einen dicken Kaugummi zwischen ihre Zähne und lässt zubeißen. Danach schauen sich alle die Abdrücke an. Manche Zähne berühren sich nicht. Ein Fall für den Kiefer-Orthopäden?

Inzwischen ist eine Patientin eingetroffen, die Schwierigkeiten mit ihrem künstlichen Gebiss hat und die zugestimmt hat, dass die Kinder zusehen dürfen. Dass jemand seine Zähne aus dem Mund nehmen kann, hat Jonas vorher noch nie gesehen. Mann, ist das alles interessant!

Die nächste Station ist bei Oma Ella in der Ergotherapie. Sie hat große Schüsseln voll mit kleinen Kieselsteinen vorbereitet (oder sind das Linsen?), in denen sie je drei 1-Cent-Stücke versteckt hat. Wer findet sie als erstes? Aber man muss immer die Handflächen nach unten halten. Durchschaufeln geht nicht. Jonas ist der erste, der das zweite Cent-Stück findet, aber Otto findet das dritte am schnellsten. Er ist Sieger nach 6 Minuten und 33 Sekunden. Nicht schlecht.

Es ist Mittag geworden. Sie gehen zurück in Wohnung 1-2. Jonas beobachtet, wie andere den Tisch decken. Kristin schüttet das Essen aus den Thermo-Behältern in viele Schüsseln, sie singen am Anfang ein Lied, und dann kann sich jeder aus den Schüsseln nehmen, was er möchte. Zuerst gibt es immer die Rohkost. Die isst Jonas auch zu Hause gerne, aber wenn es hier alle tun, dann tut er das umso lieber. Danach gibt es Pellkartoffeln mit gebratenem Blumenkohl und zum Schluss einen Salat aus frisch geschnittenen Apfel- und Ananas-Stücken.

Wenn alle fertig sind (und das ist gewöhnlich nicht vor einer halben Stunde), darf aufgestanden werden. Der erste Weg führt am Spüler vorbei, der zweite am Waschbecken und dort liegen auch die Kaugummis. Zur Toilette geht jeder, wann immer er will. (Hier in der Wohnung gibt es nur zwei, aber man konnte ja auch in der Gärtnerei, im Hospiz oder beim Zahnarzt auf Toilette gehen.)

Nun beginnt eine Leise-Zeit. Man kann im Nachbarraum schlafen oder im Wohnraum spielen - aber nur allein und man darf nicht reden, höchstens mal was flüstern.

Jonas holt Bettdecke, Laken und Kopfkissen aus seinem Schrank und legt sich zum Mittagschlaf - wie neun andere auch. Kristin hat die Laken über spezielle Matten gezogen und zieht die Vorhänge zu. Viele, sehr viele Gedanken schwirren Jonas durch den Kopf. Der Schlaf hilft ihm, sie zu verarbeiten.

Während die meisten schlafen, tippt Kristin ihre Beobachtungen in ihr Tablet. Und sie muss sich einen Plan für morgen ausdenken und mit den anderen Gruppen abstimmen. Denn wenn alle 12 Gruppen der 3-5jährigen um Neun ins Gewächshaus wollen, dann kann da niemand mehr was sehen. Und zum Zahnarzt können sie auch nicht einfach so mal reinschauen. Im Stall können auch mal 2 Gruppen zugleich sein, aber der Bauer möchte gern vorher wissen, wer kommt. Morgen würde Kristin gern in der Fahrradwerkstatt beginnen, dann im Hostel vorbeischauen und zum Schluss in den Gemüsegarten gehen. Schließlich telefoniert sie noch mit einer Dame im altersgerechten Wohnen, ob sie kurz vor 11 einen Besuch machen dürfen. Ins Hostel wollen auch drei andere Gruppen um diese Zeit (alle Lernbegleiterinnen sitzen um diese Zeit vor ihren Tablets). Sie fragt in der Physiotherapie nach. Nun ist der Plan fertig.

Jonas wacht als letzter auf. Er geht sofort zum Bagger, aber damit spielt inzwischen Fridolin. Kristin macht ihn darauf aufmerksam, dass er erst sein Bettzeug in seinen Schrank räumen muss. Dann holt er eine Eier-Uhr und stellt sie neben den Bagger. Die 5 Minuten muss er noch warten, dann darf er den Bagger nehmen. Fridolin könnte die Sand-Uhr wieder umdrehen, dann müsste Jonas den Bagger wieder frei geben. Fridolin geht lieber zum Trampolin.

Jonas ist noch ganz vertieft ins Baggern, da steht seine Mama neben ihm und holt ihn ab. Gemeinsam steigen sie noch ins Kneipp-Tretbecken. Das tut auch der Mama gut. Dann gehts ab ins Auto und in 5 Minuten sind sie zu Hause.

Morgen wird ein ganz besonderer Tag. Da wird er zum ersten Mal Mona in der Gruppe erleben. Mona ist blind.

 

Mona war die letzten zwei Wochen mit ihren Eltern auf Urlaubsreise und ist heute den ersten Tag wieder im Campus. Mona ist fast 7 Jahre alt und seit 2 Jahren in der Gruppe. Normalerweise wechseln Kinder in eine andere Gruppe, wenn sie 6 Jahre alt werden, aber Mona und die anderen 11 Kinder hatten sich so gut aufeinander eingestellt, dass Mona geblieben ist.

Vor drei Wochen hatte sich Jonathan in eine größere Gruppe verabschiedet, und während der Urlaubsreise ist Jonas neu dazugekommen.

Mona begrüßt die anderen, indem sie mit ihren Händen über das Gesicht des anderen streicht, über die Schultern, die Arme und die Hände. Für Jonas ist das neu und interessant. Wie würde Mona im Zimmer umhergehen ohne etwas zu sehen?

Es geht. Denn es gibt Bereiche, da darf Spielzeug auf dem Fußboden liegen und es gibt Bereiche, da darf nichts liegen. Mona kennt die Bereiche inzwischen und muss nicht besonders vorsichtig gehen. Oft fasst ein Kind ihre Hand und legt sie zum Beispiel auf eine Stuhllehne. Da weiß Mona dann Bescheid.

In der Küche tastet sie die Menge des Hafers und ob genug Wasser in der Schüssel ist, spürt sie auch. Wo sich gerade wer befindet, das erkennt sie an den Stimmen, Geräuschen und an Gerüchen. Aber es ist wichtig, dass bestimmte Dinge immer an derselben Stelle liegen und dass Wassergläser nicht beliebig herumstehen.

Wenn sie durch den Campus gehen, dann nimmt sie immer jemand an der Hand. Obwohl Mona Lieblingspartner hat, darf das jeder mal tun. Wer es tut, der weiß, dass er dabei viel erzählen muss. Wer begegnet ihnen? Was ist das für ein Geräusch in der Ferne? Sind die Rosen von Max schon aufgeblüht?

Ob sie selber je wird Fahrrad fahren können? Heute erklärt ihnen Opa Wolfgang erst einmal die Teile des Fahrrades. Was verändert sich, wenn man einen anderen Gang einlegt? Was passiert eigentlich beim Bremsen? Wie wird die Sattelhöhe verändert und welche Höhe ist richtig? Wie wird der Lenker eingestellt?

Auch Mona darf den Schraubenschlüssel zur Hand nehmen und das Vorderrad lösen, den Reifen von der Felge ziehen und den Schlauch wechseln. Weil Mona alles sorgfältig ertasten muss und Wolfgang ihr alles ganz genau erklärt, haben es auch die anderen verstanden. Natürlich hat Wolfgang die Muttern vorher schon mal ein bisschen gelöst  und nach dem Zusammenbau würde er sie nachziehen. Aber man sieht: Vom Prinzip her würden auch Vierjährige einen Platten reparieren können.

Dann gehen sie ins nächste Haus in die Physiotherapie. Man braucht Kraft, um ein Fahrrad reparieren zu können, und Kraft lernt man in der Physiotherapie oder im Fitness-Geräteraum. Ihre Schuhe haben alle schon am Ausgang der Fahrradwerkstatt ausgezogen. Drinnen musste man Schuhe anhaben. Ist ja klar. Wenn einem ein großer Schraubenschlüssel auf die Zehen fallen würde, das täte barfuß ganz schön weh.

Hanna, die gerade einen Kurs ihrer Spezialausbildung in der Physiotherapie-Praxis absolviert, zeigt ihnen  einige Übungen mit dem Thera-Band. Es ist gar nicht so einfach, etwas ganz genau nachzumachen, aber Hanna und Kristin sind sehr geduldig und wiederholen oft. Hanna muss mit Worten sehr gut beschreiben, wie die Übung geht. Mona sieht ja Hanna nicht. Wo ist eigentlich links? Wo ist unten rechts? Was ist dehnen? Was hocken?

Dann kommt Frau Zische dazu. Sie ist ausgebildete Physiotherapeutin. Mit ihr üben sie noch das richtige Stehen und Gehen. Jeder bekommt einen Beutel mit Kugeln auf den Kopf und soll nun laufen, ohne dass der Beutel vom Kopf fällt. Gelingt es auch auf Zehenspitzen? Zum Schluss darf sich Mona auf eine Liege legen und Frau Zische tastet die einzelnen Muskeln ab. Die Kinder können es auch gegenseitig tun. "Bizeps" werden sich die meisten merken.

Es ist inzwischen kurz vor Elf. Sie wechseln wieder das Gebäude. Frau Schumann (92) erwartet sie schon in einer der altersgerechten Wohnungen. Sie hat extra einen Möhrenkuchen gebacken. Die Kinder erzählen von der Fahrradwerkstatt und von den Muskeln. Frau Schumann kann sich nicht mehr gut bewegen. Otto schlägt vor, sie könne doch auch mal mit dem Thera-Band üben. Keine schlechte Idee. Jetzt aber nimmt sie erst mal ihr Fotoalbum zur Hand und zeigt den Kindern, wie Dresden ausgesehen hat, als Frau Schumann ein Schulkind war. Ob sie damals auch mit dem Thera-Band geübt hätten, will einer wissen. Nein, Schule war damals ganz anders und vor allem streng. Der Lehrer durfte die Kinder mit einem Stock verprügeln, wenn sie etwas nicht richtig gemacht hatten.

Den Schluss ihres Rundganges bildet heute die Gärtnerei. Sie dürfen sich jeder eine Möhre ausgraben. Für mehr reicht die Zeit heute nicht, es ist bald Mittag. Sie gehen aber noch schnell im Stall vorbei. An wen dürfen sie das Möhrenkraut verfüttern? Opa Paul zeigt auf die Kaninchenställe. Da ist ja ein Nest mit ganz kleinen Häschen! Aus "schnell" werden ganz schnell 15 Minuten.

Das macht aber nichts. Sie sind ja schnell "zu Hause". Jeder hilft mit beim Tischdecken, Kristin füllt die Schüsseln, sie singen ein Tischlied und los geht’s. Zuerst wird die Möhre gegessen. Im Ganzen.

Mona ist sehr müde. Sie darf schon aufstehen und schlafen gehen, bevor alle fertig sind. Auch Jonas schläft heute wieder schnell ein.

Nach dem Mittagschlaf beschäftigt sich Mona mit der Blindenschrift. Dabei hilft die Technik. Sie muss Punkte ertasten und dann mit einer Schreibmaschine das gleiche Bild erzeugen. Der Computer liest den Buchstaben laut vor und macht einen Ton, wenn Mona richtig abgeschrieben hat. Ein Mädchen aus der Gruppe kann auch schon alle Buchstaben in Blindenschrift schreiben. Sie kann die Buchstaben auch lesen, wenn sie drauf schaut. Aber mit den Fingern abtasten - das gelingt ihr selten. Das kann nur Mona.

Mit ihrer Mama geht sie anschließend noch mal zu den Tieren. Sie möchte noch mal einen ganz bestimmten Hund streicheln. Die beide verstehen sich gut. Rex hört ganz genau auf das, was Mona sagt. Der weiß, dass ich nichts sehen kann, denkt sie.

Auf dem Rückweg gehen beide durch das Kneipp-Tretbecken. Das machen hier viele so. Und in der Mensa-Gaststätte essen beide noch einen Getreidepudding mit Honig und Ingwer. Hoffentlich quatscht Mama jetzt nicht so lange mit den anderen Frauen.

Sie gehen zur Haltestelle und fahren 15 Minuten mit dem Bus. Eines Tages wird Mona das ohne ihre Mama tun können. Vielleicht schon bald. Und vielleicht wird sie Rex dann begleiten. Und eines Tages wird sie Fahrrad fahren. Auf all das freut sie sich schon.

Jonas wird beim Abendbrot gar nicht aufhören können zu erzählen von dem neuen Mädchen, das nicht sehen kann und trotzdem ganz vieles mitmachen kann. Wie froh ist er doch, sehen zu können. Er wird sich große Mühe geben, nichts liegen zu lassen in den verbotenen Bereichen. Und zu seinem Geburtstag - da möchte er sie einladen.

Aber das Schönste war der Schlauchwechsel am Fahrrad. Mann, war das wieder ein interessanter Tag!

 

Peter ist 16 Jahre alt und seit zwei Jahren im Campus. Gleich im ersten Jahr hat er hier den Moped-Führerschein gemacht und mit dem Moped kommt er jetzt jeden Morgen um Sechs angeknattert.

Sein Armband öffnet ihm die Tür zum Allerheiligsten, dem Serverraum. Er darf keine Entscheidungen treffen. Nicht mal einen offensichtlichen Fehlalarm ausstellen, aber immer wenn was los ist, fragen die Männer von der Security ihn. Er kennt die Datenbank. Immer wieder programmiert er neue Tools.

Wer war gestern als letzter im Fitness-Raum? Wie viele Menschen halten sich im Augenblick in der Gärtnerei auf? Wer ist heute krank oder abwesend gemeldet? Wie viele haben sich für den Kybernetik-Kurs gemeldet? Peter weiß alles.

Es ist ihm wichtig, zwischen 6 und 7 Uhr anwesend zu sein. Denn da darf noch niemand in die Wohnungen. Die Arbeitszeit der Lernbegleiterinnen beginnt frühestens um 7 Uhr. Deshalb verfolgt er auf dem Monitor, wer alles schon da ist und wo sie sich aufhalten. Es gibt eine Menge Überwachungskameras, und Peter kann sie sich alle auf den Schirm holen. Es gibt auch eine Telefonverbindung zu jedem einzelnen der Silent Rooms. Wenn er sich unsicher ist, ruft er an und spricht mit den Kindern.

Zwischen 8 und 10 Uhr sitzen alle Lernbegleiterinnen an ihren Tablets und tragen ein, was die Gruppe heute unternehmen will. Stundenplanung live. Sollte einem Lernbegleiter entgangen sein, dass sich nicht zwei Gruppen gleichzeitig in der Arztpraxis aufhalten können - Peter merkt es. Haben die Gruppen nicht genügend Pufferzeiten eingeplant, drohen Staus: Peter sieht es voraus.

Wer braucht wann wie viele Portionen Mittagessen? Um 10 Uhr schickt er der Küche die Infos.

Heute sind 18 der 40 Gruppen nach draußen gegangen. Peter weiß, wo sie sich befinden und wer genau dabei ist. Manche gehen später raus und nehmen das Mittagessen mit. Peter sieht, wo sie laufen.

Es kam schon vor, dass eine Gruppe in die völlig falsche Richtung losgegangen ist. Peter merkt es.

Bis um 12 geht Peter die Pläne für die nächsten Tage durch. Gibt es schon jetzt zu viele Überschneidungen? Gibt es ein besonderes Angebot und noch keiner hat es wahrgenommen? Der Sprungturm ist geheizt, aber es gibt noch eine freie Lücke? Peter sucht, welcher Gruppe er den Termin schmackhaft machen kann.

Ab 12 Uhr wird ihn Roland ablösen und im Nachbarraum sitzen immer eine Menge Erwachsener, deren Aufgabe all das ist. Aber wenn es wirklich knifflig wird, dann kommen sie herüber und sagen: "Peter, kannst du mal..."

Um 12 Uhr trifft er sich mit seiner Lerngruppe beim Mittagessen in der Mensa. Danach arbeitet er seinen eigenen Stundenplan ab: Ein wenig Klavier üben, eine Einheit im Fitness-Raum, eine halbe Stunde Gartenarbeit. Dann knattert er mit seinem Moped davon.

Heute jedenfalls. Es kann sein - wenn im Theater eine Veranstaltung ist -, dass er dort bis Mitternacht an der Technik sitzt.

Und da er an der Stundenplan-Quelle sitzt, kriegt er alles mit, was es an ganz besonderen Angeboten gibt - wie letzte Woche die Operation eines Hundes - und schreibt sich als erster ein.

Wollen wir mal schauen, was für morgen 10 Uhr (KW 36, ein Dienstag Anfang September) in der Datenbank steht?

    3/4/5-jährige 6/7/8-jährige 9/10/11-jährige 12/13/14-jährige 15/16/17-jährige Ältere
  Summe 1-01 bis 1-12 2-1 2-2 2-3 2-4 2-5 2-6 2-7 2-8 2-9 3-1 3-2 3-3 3-4 3-5 3-6 3-7 3-8 3-9 4-1 4-2 4-3 4-4 4-5 4-6 5-1 5-2 5-3 5-4 5-5 5-6 6-1 bis 6-3
Sollstärke 777 144 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 16 24 24 24 24 24 24 24 24 24 24 24 24 57
Ferien 193 0               16 16     16 16                     24         24 24 57
Sonst. Abwesenheit 72 21 2 4 1   1 2 5     1 1     2 1 4 2 1                   24      
Gast-Kinder 24                                                         24      
Temporär abwesend 61                                       20 20 1           20        
anwesend 475 123 14 12 15 16 15 14 11 0 0 15 15 0 0 14 15 12 14 15 4 4 23 24 24 0 24 24 4 24 0 0 0
                                                                   
Gärtnerei 29 22                                   3     4                    
Stall 30 21                                 4       5                    
Bau 27 21                                     1 1 4                    
Medizin 5                     2                     3                    
Pflege 3                                           3                    
Hostel 10                             2 2 2 2 2                          
Verkehr 15 15                                                              
Design 0                                                                
Theater 10               10                                                
Küche 27   14                 13                                          
Paten-Dienst 28                                             9     19            
Mensa-Halle (Gymnastik) 27           3           2     2 2 2 2 2     2 2 2   2 2 2        
Silent-Rooms 19                                                     19          
Music-Rooms 47     2 2 2 2 3 1       1     2 3 2 1 2 3 3 2 4 3   3 3 2 1      
                                                                   
In einem Kurs (Summe) 277 79 14 2 2 2 5 3 11 0 0 15 3 0 0 6 7 6 9 9 4 4 23 15 5 0 24 24 4 1 0 0 0
Unter freiem Himmel 127 44   7 10   10 11         12     8 8 6 5 6                          
In einer Wohnung 71 0 0 3 3 14 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 9 19 0 0 0 0 23 0 0 0
  Summe 1-01 bis 1-12 2-1 2-2 2-3 2-4 2-5 2-6 2-7 2-8 2-9 3-1 3-2 3-3 3-4 3-5 3-6 3-7 3-8 3-9 4-1 4-2 4-3 4-4 4-5 4-6 5-1 5-2 5-3 5-4 5-5 5-6 6-1 bis 6-3
    3/4/5-jährige 6/7/8-jährige 9/10/11-jährige 12/13/14-jährige 15/16/17-jährige Ältere

Dies ist freilich nur ein Ausschnitt. (Die 12 Spalten für die 3/4/5-jährigen sind hier schon in einer Summe zusammengefasst. Trotzdem sprengt die Tabelle schon den Rahmen.)

Farbig unterlegt und aufgesplittet sind die 30 Gruppen der 6- bis 17 jährigen. 7 davon sind im Ferien-Modus, also heute nicht anwesend. Die 5-4 ist komplett im Ausland. Dafür sind ausländische Gast-Kinder da. Fast in jeder Gruppe ist auch jemand krank, und die 4-1, 4-2 und 5-3 sind um 10 Uhr noch nicht da. Sie werden am Nachmittag und Abend arbeiten. Um 10 Uhr sind also nur 475 von 777 da (61%). Davon lernen 127 "unter freiem Himmel" (es ist Altweibersommer) und nur die 4 Gruppen 2-4, 4-4, 4-5 und 5-4 lernen in ihrer Wohnung. Die 5-2 hat sich zur Prüfungsvorbereitung komplett in die Silent-Rooms begeben. Die meisten Kinder sind in irgendeinem Kurs irgendwo auf dem Campus. 47 machen Musik, 27 zieht es zur Gymnastik, die 2-1 und die 3-1 putzen die Rohkost für das Mittagessen. Die 2-6 probt im Theater. An dem Kurs im Hostel nehmen Kinder aus verschiedenen Gruppen teil. Von den 3/4/5jährigen sind je 2 Gruppen im Stall, der Gärtnerei und auf dem Bau, 4 Gruppen sind draußen und eine ist in der Fahrrad-Werkstatt. Bei solch schönem Wetter muss niemand in der Wohnung spielen...

Um 15 Uhr wird die Tabelle schon wieder ganz anders aussehen, und Mittwoch um 10 Uhr auch.

Fortsetzung folgt.