Prosa 2022

Es ist kurz nach Zehn. Marie ist jetzt ganz allein. Mit einer Maurerkelle legt sie eine kleine Portion Lehm-Mörtel auf eine Glättkelle und trägt den Lehm gleichmäßig auf eine Wand auf. Sie macht das erst seit einigen Tagen und sie hätte nicht für möglich gehalten, dass ihr die Arbeit mit diesem Naturmaterial einmal so großen Spaß machen würde. Wie vielfältig doch Strukturen hergestellt werden können, was allein mit bloßen Händen möglich ist und wie alles Misslungene ohne Verluste erneuert werden kann. Das fasziniert sie.

Seit einem halben Jahr arbeitet sie mit vielen anderen Kindern und einigen Erwachsenen an diesem Haus. Hier wollen sie einmal eine Ausflugs-Gaststätte betreiben. Sie haben sich als Vorbild das Haus genommen, das hier vor 100 Jahren gestanden haben soll. Marie bearbeitet gerade eine Wand des Gastraumes.

Im Nachbarraum arbeitet normalerweise Jonas. Er klebt in den Klos Fliesen. Es ist ihm nicht an allen Stellen perfekt gelungen, aber es wird für den Anfang genügen, damit man die Räume leicht sauber halten kann. Heute ist Jonas jedoch beim Fußball-Turnier mit Mannschaften aus zwei Nachbardörfern.

Marie hat heute auch schon Sport gemacht. Meistens ist das sogar das erste früh, dass sie sich einen Gegner fürs Tischtennis sucht. Schnelligkeit, Koordination, Taktik, Ausdauer – in all dem möchte sie besser werden. Zur Not spielt sie auch gegen die Wand.

Dass sie das Haus aus Sandsteinen und Lehm bauen, hatte seinen Grund hauptsächlich darin, dass die Sandsteine hier herum lagen und dass man den Lehm in der Nähe einfach aus der Erde schaufeln kann. Deshalb konnten sie hier auch schon bauen, als der Nachschub aus den Baumärkten nicht mehr klappte.

Gegen halb Neun haben sich alle Kinder in „ihren“ Gruppen getroffen. Wenn es nicht regnet (das sind die meisten Tage), ist dies an „ihrer“ Stelle in der freien Natur. Sie erzählen, wie es ihnen geht, was sie gestern gemacht haben, was sie sich heute vorgenommen haben und was es so Neues im Lernort gibt. Meistens ist da Lydia bei ihnen. Sie hat bis vor vier Jahren als Lehrerin gearbeitet. Oft begleitet sie dann ihre zweijährige Tochter. Sie ist auch ein Mitglied des Lernortes.

Nach dem Morgenkreis gehen alle "auf Nahrungssuche". Am schnellsten kriegt sie ihren Korb mit Brennesseln voll. Vor einem Jahr hätte sie das weder gesammelt noch gegessen, aber heute ist es das Normalste von der Welt. Und es schmeckt ihr! Sie kann inzwischen mehr als 80 Wildpflanzen sicher identifizieren – und selbstverständlich auch die 7 Pflanzen, die giftige Bestandteile haben und die hier wachsen. Fast alles, was da um sie herum wächst, kann man essen - das hat sie in den ersten Wochen hier gelernt.

Als vor einem Jahr die Lieferketten fast vollständig zum Erliegen kamen, wurden die Wildpflanzen zur willkommenen Bereicherung. Und mit der Ernte der Streuobstwiesen haben sie sich bis weit in den Winter versorgt. Inzwischen wächst ja einiges Gemüse auch auf ihren eigenen Beeten.

Ja, das war schon ein abenteuerlicher Anfang hier auf der Wiese. An dem Tag, als die Schulgebäude als „Orte des Verbrechens gegen die Menschlichkeit“ versiegelt wurden. Aber dann war es auch erstaunlich, wie schnell Leute den ersten Kaninchenstall auf die Wiese brachten, wie schnell die ersten Schafe da waren, die Hunde, die Pferde, ein Terrarium, Bienen, Hühner, Mäuse…

Die Baumärkte waren ziemlich geplündert, aber hier im Lernort war der Mangel kaum spürbar. Die Eltern trugen zusammen, was an Handwerkszeug, Akku-Geräten und Baumaterial zu Hause übrig war oder zeitweilig entbehrlich. Und das war für den Anfang eine ganze Menge. Auch die Beete füllten sich schneller als gedacht. Der Kindersachen-Flohmarkt wurde zur Dauer-Einrichtung. Beim Spielzeug musste man sogar aufpassen, dass nicht aller Krempel hier abgeladen wurde. Die Bibliothek füllte sich schnell und einige Kinder hatten richtig Lust, die entsprechende Datenbank zu betreiben.

Kein Lehrer war da, der da sagte, nun machen wir 40 Minuten Geographie oder so etwas. Jeder musste selbst entscheiden, ob er heute beim Essen bereiten helfen will oder beim Verlegen des Weidezaunes oder beim Ernten der Möhren oder doch lieber beim Volleyballspiel. Und auch die Übungszeiten für das neue Theaterstück müssen selbst koordiniert werden. (Wenn sie am Wochenende Disko machen, werden sie es aufführen.)

Ja, und jeden zweiten Tag ist ja noch Band-Probe. (Sie spielt Schlagzeug.) Insofern ist Marie froh, dass sie jetzt bei ihrer Lehmwand ganz allein ist. Da kann sie auch ein wenig ihren Gedanken nachgehen. Wenn sie es sich so richtig überlegt: In diesem einen Jahr hat sie mehr gelernt als in den drei Jahren zuvor zusammen. Und sie merkt auch, dass sie an manchen Stellen mit voller Begeisterung dabei ist. Wie hier bei diesem Haus zum Beispiel, aber auch die Auftritte mit der Band und die Wildpflanzen interessieren sie wirklich. Wirst du mal eine Kräuterhexe? fragt sie sich gerade. Sie wird ein paar Wildkräuter in ihre Wand einarbeiten – ja, das scheint ihr ein guter Gedanke.

Eine helle Glocke läutet. Marie geht nach draußen. Das bedeutet: Jemand im Dorf ist gestorben. Morgen in der Vollversammlung werden sie der alten Frau gedenken.

Sie muss noch ihr Handwerkszeug sauber machen. Und sie muss sich selber dazu entschließen, es zu tun. Es ist ja sonst keiner da. Ist sie schon eine Unternehmerin? Sie freut sich schon darauf, wenn sie hier das Lokal betreiben werden. Sie stellt sich vor, wie das sein wird, wenn sie ihrer Oma Möhrenkuchen zum Brennessel- Tee servieren wird. (Oder Buttercreme-Torte zum Bohnenkaffee). Wahrscheinlich wird die Oma dann mächtig stolz sein auf Marie.

Marie wird ihre Oma bitten, eine Zahl aufzuschreiben, die größer als eine Billion ist. Sie wird diese Zahl eine halbe Minute ansehen, dann den Zettel verstecken und anschließend auf einem neuen Zettel die zwölf Ziffern in der richtigen Reihenfolge aufschreiben. Oma wird sie verdutzt anschauen und Marie wird lachend sagen, dass das Mnemo-Technik sei und dass das hier alle lernen.

Und Marie wird ihr erklären, dass sie hier keineswegs nur das machen können, was ihnen Spaß macht. Wenn alle nur die ganze Zeit Volleyball oder Schlagzeug spielen, verhungern die Tiere, verdursten die Pflanzen, wird kein Kind getröstet, kommt kein Mittagessen auf den Tisch, ist nicht klar, wer abends abschließt. Aber jeder darf genau das tun, wofür er sich begeistert.

Ach, wenn wir das früher doch auch gehabt hätten, wird Oma seufzen...