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Angenommen, das alte Bildungs-Wesen stirbt. Niemand muss mehr dorthin gehen, wo Kinder - unnötig - zu Masken, Tests und Abständen gezwungen wurden. Und niemand will mehr dorthin gehen. Dann müssen Eltern Bildung völlig neu organisieren.

Dann könnte der "Lernort für Anna" zwar eine gute Zielvorstellung sein, aber bis er achitektonisch ungesetzt ist, dauert es Jahre. Wie können wir die Zwischenzeit gestalten? Darüber mache ich mir hier zum ersten Mal Gedanken.

Wer soll das denn bezahlen?

  • Na die Bevölkerung, so wie jetzt auch. Das Geld für den Lehrkörper fällt schließlich jetzt auch nicht vom Himmel, sondern wird durch ein ausgeklügeltes System vorher der werktätigen Bevölkerung in Form von Steuern abgenommen.
  • Dabei geht auf dem Weg vom Bürger zu seinem Kind eine Menge "verloren": Bei der Finanzverwaltung, in den Ministerien, in den Schulämtern. Und die Lehrer geben gleich einen Großteil von dem, was sie bekommen, als Steuern wieder zurück. Dieser Umweg muss ja nicht sein.
  • Im neuen System wird theoretisch also mehr Geld zur Verfügung stehen. In der Praxis wird es genau so viel sein, wie gebraucht werden wird. Denn Eltern geben alles für ihr Kind. Und auch die übrigen Bürger möchten, dass es vor allem den Kindern gut geht.

Sind die "3 Sonnen" dann immer noch das Wichtigste?

  • Na klar. Es ist wichtiger denn je, dass es einen Ort für Vollversammlungen gibt, an denen alle zugleich teilnehmen können. Wo die freie Rede vor vielen geübt werden kann. Wo Abstimmungen stattfinden können, aber auch Präsentationen, Belobigungen, Begrüßungen, Theater- und Musik-Darbietungen.
  • Es gibt große Zelte. Man kann auch draußen sitzen. Hauptsache, die Bühne und die Technik sind geschützt. Zur Not kann man eine Versammlung auf einen regenfreien Tag verschieben.
  • Am Anfang kann das eine große Zelt auch als Mensa fungieren. Küche/ Lehrküche könnten in einem separaten Zelt sein. Es könnte sich auch eine sonst leer stehende Scheune eignen. Es sollte lediglich alles räumlich beieinander sein, damit sich die Kinder selbständig bewegen können.
  • Den Lernort freier Himmel gibt es ja sowieso. Bei gutem Wetter können dort auch die Morgenkreise und die Mahlzeiten sein.

Die "3 Monde" sind wahrscheinlich am schnellsten einzurichten:

  • Ein Gewächshaus sollte relativ einfach zu bauen sein. Am Anfang muss ja nichts perfekt sein. Man lernt auch an Fehlern. Jeder bringt an Pflanzen mit, was im heimischen Garten entbehrlich ist. Es braucht dann noch eine Ackerfläche für Beete. Die sollte sich überall finden lassen.
  • Das erste Stallgebäude muss wahrlich nicht perfekt sein. Schafe, Ziegen, Kaninchen können auch draußen sein. Hühner brauchen auch nur ein kleines Haus. Katzen und Hunde sowieso. Mit Pferden wird man nur beginnen, wenn es unter den Eltern einige Pferdebesitzer gibt. Es muss nur klar sein: Ohne Tiere kein Lernort!
  • Für die Baustoffe findet sich auch ein alter Schuppen, für die Machinen ein Bauwagen oder Container. Es muss ja aus naheliegenden Gründen vom ersten Tag an gebaut werden. Was dafür an Werkzeug gebraucht wird, wird da sein. Es steht allen zur Verfügung, die Hand anlegen, den Eltern wie den Kindern. Die erste Generation der Kinder hat das große Privileg mitzubestimmen, was wie gebaut wird, welche Tiere mitleben sollen, welche Gemüse angebaut werden sollen, wie der Tagesablauf sein soll.

Wer betreut die Monde?

  • Es werden jedenfalls nicht unbedingt Leute sein, die auf Lehramt studiert haben. Hier schlägt die Stunde der Rentner. In einem beispiellosen Nationalen Aufbauwerk werden sie sich in diesen drei Bereichen engagieren. Dadurch wird der Lernort zu einem Mehrgenerationen-Projekt. Im günstigsten Falle finden sich unter den Großeltern auch solche, die schon große Erfahrungen mit Pflanzen, Tieren oder Baustoffen haben. Aber natürlich können sich hier auch alle anderen Menschen engagieren.

Wo kommen die Lernbegleiter her?

  • Das ist eine kniffelige Frage. Es wird jedenfalls nicht gehen, dass heutige Lehrpersonen selbstverständlich die künftigen Lernbegleiterinnen sind. Dazu müssen auch sie (mindestens ein Jahr lang) ihren neuen Beruf lernen. Im Laufe dieser Zeit werden sie auch merken, ob sie auch berufen sind und müssen sich überraschen lassen, ob Eltern und Kinder sie berufen werden.
  • Übergangsweise können - parallel zu ihrem eigenen Lernen der neuen Pädagogik - die ehemaligen Fachlehrer für Sport schon mal bei der Herrichtung des Volleyballfeldes behilflich sein, das Sportmaterial warten, Schiedrichter sein usw. Die Biologielehrer können behilflich sein, Kräuter zu finden, zu ernten, zu trocken, zu verarbeiten, Brot zu backen, Sauerkraut zu machen usw. Musiklehrer könnten die Chöre und Bands betreuen, Instrumente besorgen, diese warten, Noten heranschaffen usw. Fachlehrer für Geografie haben vielleicht doch eine heimliche Liebe zu Tomaten oder Hunden und engagieren sich an dieser Stelle?
  • Allein ihr Dabei-Sein wird dazu führen, dass sie hunderte Kinder kennenlernen. Nicht nur ihren Namen und das Können in ihrem Fach, sondern mit allen Stärken und Schwächen, mit ihren Vorlieben und Ängsten. Sie werden merken, welche Kinder sich speziell ihnen anvertrauen und am Ende ihnen vielleicht auch anvertraut werden.
  • Am Anfang fungieren die Eltern als Lernbegleiter. Sie organisieren, wer heute auf dem Sportplatz dabei sein kann, wer mit auf die Kräuterwanderung geht, wer beim Bau des Schafstalles betreut, wer beim Brotbacken ist, wer mitgeht in die nahegelegene Tischler-Werkstatt, wer die nächste Vollversammlung vorbereitet, wer oberster Technik-Chef ist usw.

Und die Satelliten?

  • Die wird es am Anfang vermutlich nicht geben. Vielleicht ist es auch gut, wenn man sich im ersten Jahr erst mal auf Sport, Musik, Kunst, Theater, Küche, Pflanzen, Tiere und Baustoffe konzentriert?
  • Es wird schwierig sein für einen Arzt oder einen Gewerbetreibenden, sofort seinen Sitz in die Nähe eines provisorischen Lernortes zu verlegen. Aber man wird merken, wer sich dafür interessiert. Und dann heisst es improvisieren: Der Schlossermeister kommt vielleicht jeden Dienstag zum Campus und hat im Sprinter Werkzeug und Material. Und jeden Freitag wandert eine Gruppe zu seiner Werkstatt. Mit dem Tierarzt könnte es ähnlich gehen.

Gruppenräume?

  • Alles ist besser als die früheren Klassenräume! Bringen wir bitte die Kinder nicht wieder dort hin zurück! (Keine Angst, die ehemaligen Schulgebäude finden Nachnutzer: Ich kenne ein Dorf, da sind in den letzten 20 Jahren zwei große Schulgebäude zu Wohnungen für Senioren umgebaut worden. Es mangelte auch dort nicht prinzipiell an Kindern.)
  • Zelte, Blockhütten, Wohnwagen, Schuppen, Tipis. Muss man das heute schon ganz genau wissen?
  • Treffpunkt kann am Anfang immer das große Theater-Zelt sein. Dann könnten sich die Gruppen auch ihren Raum selber suchen. Vielleicht genügt einer Gruppe ein Unterstand in einer Schlucht? Sie haben erfahren, dass es draußen irre schön ist, dass eigentlich an den meisten Tagen gutes Wetter ist und dass man sowieso nicht stundenlang hintereinander im Gruppenraum ist. Er ist am Anfang der Rückzugsort für den Morgenkreis und das Frühstück. Dort tauschen wir uns aus und kommen uns sehr nah. Es ist der private Raum dieser Gruppe.

Und im Winter?

  • Da gibt es "Homeschooling" von der besten Sorte. Stellt Euch vor, wie die Kinder im Dezember von Wohnung zu Wohnung pilgern, und überall können sie etwas anderes basteln, backen, Geschichten hören, schmücken, Geschenke verpacken, singen, töpfern, musizieren,... Und welch Wunder: Es beteiligen sich auch Leute, die gar keine Schulkinder haben.
  • Tiere wollen auch im Winter versorgt sein, das Gewächshaus auch, Wege wollen geräumt und gestreut werden. Sport kann man besonders gut im Schnee machen. Macht nicht Not erfinderisch?

Welche Größe sollte es sein? Müssen es 777 Kinder sein?

  • In einem sächsischen Dorf mit 1.300 Einwohnern wurde bisher (im statistischen Durchschnitt) jeden Monat 1 Kind geboren. Im Jahr also 12. Wenn man - wie vorgeschlagen - die 3-, 4- und 5jährigen mischt, hat man 36 Kinder und kann damit 6 Gruppen a 6, 4 Gruppen a 9 oder 3 Gruppen a 12 Kinder machen, je nach Personal. Die 36 Kinder, die 9, 10 und 11 Jahre alt sind, wird man vielleicht auch in 2 Gruppen a 18 teilen. In der Phase der Grundausbildung sind 9 Jahrgänge beisammen, etwa 110 Kinder. Das sollte für Fußball, Volleyball, Tennis, Chor, Orchester und Band ausreichend sein.
  • In einem Dorf mit 1.300 Einwohnern wird es aber nicht gleichzeitig eine Arztpraxis UND einen Tierarzt UND ein Reisebüro UND eine Physiotherapie UND eine Schlosserei UND all die anderen Möglichkeiten geben können, die bei "Satelliten" beschrieben sind und die den Kindern eine große Auswahl zum Kennenlernen und Ausprobieren ermöglichen sollen.
  • Erst in einer Kleinstadt mit fast 6.000 Einwohnern gibt es 48 Kinder pro Jahrgang oder eben 777 insgesamt. Und in dieser Kleinstadt sollte dann auch all das vorhanden sein, was oben aufgezählt ist. (Es ist dann immer noch nicht gesagt, dass der Arzt, der zufällig dort ansässig ist, sich in den Lernort integrieren möchte. Aber es sollte wirtschaftlich vertretbar sein, bei 6.000 möglichen Kunden eine Praxis zu betreiben.)
  • In einem Ort mit 12.000 Einwohnern gibt es entsprechend etwa 100 Kinder pro Jahrgang oder 1.500 Kinder insgesamt. Aber: Dann wird nicht mehr jeder jeden mit Namen kennen. Und ein Theater mit über 1.500 Plätzen ist schon ein gewaltiges Bauwerk. Eine Obergrenze scheint also sinnvoll zu sein. (Es gibt dann halt 2 Lernorte, die sich in 1 Theater teilen.)
  • Wenn ein Dorf nur 650 Einwohner hat, kann man entweder mit 55 Kindern starten oder sich doch mit dem Nachbardorf zusammentun. Je kleiner, desto schneller wird der Start gelingen. Man kann den Nachbar-Lernort auch punktuell besuchen. Natürlich könnten sich 10 kleine Dörfer zusammentun, aber die Diskussion, wer da nun das Sagen hat und welche Stecke der Schulbus fahren soll, verhindert wahrscheinlich das Anfangen.

Und die Großstädte?

  • Da bin ich überfragt. Ich wohne da nicht. Aber wenn die Städter sehen werden, wie gut es die Kinder auf dem Lande haben, wird das vielleicht eine Wanderungsbewegung auslösen. (Bildung wird nicht das einzige Problem sein, was Städte zukünftig lösen müssen...) Also lasst uns in den Dörfern beginnen! In den letzten Jahrzehnten sind tausende Schulen dort platt gemacht worden.

Weitere Fragen und vorsichtige Antworten werden folgen.